Das Remagener Martinslied

Das Martinslied Hellije Zante Mätës ist eine besondere musikalische Tradition in Remagen.

Das Lied ist dabei mehr als ein gewöhnliches Martinslied. Neben der Geschichte des heiligen Martin erzählt es auch von den besonderen Remagener Martinsbräuchen.

Noten und Text

Über den Text

Das Remagener Martinslied verbindet die Geschichte des heiligen Martin mit den besonderen Martinsbräuchen der Stadt. Neben der bekannten Geschichte von der Mantelteilung finden sich im Lied Hinweise auf das Martinsfeuer, die beiden früher revalisierenden Gruppen und den Brauch des Krabbelns.

Manche Textstellen erschließen sich heute nicht mehr ohne Weiteres. Sie stammen aus der Remagener Mundart und beziehen sich teilweise auf Bräuche und Verhältnisse, die heute nicht mehr so bestehen.

Hellije Zante Mätës, dat wor en jode Mann
Mit diesen Worten beginnt das Lied. „Hellije Zante Mätës“ bedeutet „Heiliger Sankt Martin“. Die folgenden Zeilen erinnern an die bekannte Geschichte des heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem armen Mann teilt: „Er deilt singe Mantel met einem arme Mann.“ Damit beginnt das Lied zunächst wie ein klassisches Martinslied. Anschließend wendet es sich jedoch den besonderen Remagener Martinsbräuchen zu.

Dotz, dotz, delli-je Dotz …
Dieser Abschnitt gehört zu den mundartlichen und heute nur noch schwer verständlichen Teilen des Liedes. Er steht im Zusammenhang mit dem Martinsfeuer und führt anschließend wieder zu der bekannten Zeile: „wat de Mann entbehre kann.
Die genaue Bedeutung einzelner Wörter und Wendungen dieser Passage lässt sich anhand der vorliegenden historischen Erläuterung nicht mehr sicher bestimmen.

Wenn die Rämmle knalle …
Mit diesem Teil wird das Lied ganz konkret remagenerisch:
Wenn die Rämmle knalle
on die Bachstäzje falle
en de Fall, en de Fall,
en de Fall.

Die historische Überlieferung erklärt den Hintergrund dieser Zeilen. In Remagen gab es früher zwei rivalisierende Gruppen, die als Baachstäzjen und Ovverstäzjen bezeichnet wurden. Die Bezeichnungen stehen im Zusammenhang mit den früheren Stadttoren Remagens, dem Bachtor und dem Obertor. Die beiden Gruppen wetteiferten insbesondere um die Martinsfeuer. Jede Seite wollte das größere Feuer errichten. Dafür wurde schon Wochen vor dem Martinsfest Brennmaterial gesammelt und bewacht. Der Wettstreit konnte dabei durchaus ernst werden. Es kam zu Auseinandersetzungen um das gesammelte Brennmaterial und zu Versuchen, dem Gegner Brennmaterial wegzunehmen. Die Zeile über die „Rämmle“ und die „Baachstäzje“ erinnert somit an diese besondere Form des früheren Martinsbrauchtums.

Rande-wusch, Rande-wusch
Auch dieser Teil des Liedes erschließt sich heute nicht mehr unmittelbar:
Rande-wusch, Rande-wusch,
lauter Rheinländer dat sinn Deuwelsbänder.

In der historischen Überlieferung wird „Randevusch“ beziehungsweise „Rendez-vous“ mit einem militärischen Sammel- oder Antreteplatz in Verbindung gebracht. Das passt zum kämpferischen Charakter des Liedes. Der Wettstreit zwischen den beiden Gruppen war früher von gegenseitigen Auseinandersetzungen geprägt. Das Lied bewahrt damit eine Erinnerung an eine vergangene Form des Martinsfestes.

Oh, Domen-rickel-che …
Der letzte Abschnitt gehört zu den besonders schwer verständlichen Passagen des überlieferten Liedtextes:
Oh, Domen-rickel-che,
henne on vir e Pückel-che,
bes menge leve Jong
henne on vir en Zong.

Für diese Textzeilen findet sich in der vorliegenden historischen Überlieferung keine eindeutige Erklärung. Ihre genaue Bedeutung lässt sich deshalb heute nicht sicher wiedergeben. Gerade solche Stellen zeigen, wie stark das Lied aus der mündlichen Überlieferung und der damaligen Remagener Mundart hervorgegangen ist.

Das Lied und das Krabbeln
Das Martinslied ist bis heute eng mit dem traditionellen „Krabbeln“ verbunden.

Beim Krabbeln ziehen die Kinder am Martinstag singend durch die Stadt. Sie singen das Martinslied vor den Häusern und erhalten dafür Gaben wie Süßigkeiten und andere kleine Geschenke. Die besondere Form des Brauchs besteht darin, dass die Gaben aus den Häusern und von den Bewohnerinnen und Bewohnern zu den Kindern hinuntergeworfen werden. Die Kinder sammeln sie anschließend auf der Straße ein. Das „Krabbeln“ gehört damit bis heute zum besonderen Remagener Martinsbrauchtum. Auch die historische Aufteilung in Baachstäzjen und Ovverstäzjen spielte beim Krabbeln eine wichtige Rolle. Früher zogen die Kinder entsprechend ihrer Zugehörigkeit getrennt durch die Stadt. Das Martinslied war dabei ein fester Bestandteil des Brauchs.
Heute wird das Krabbeln weiterhin gepflegt – allerdings unter veränderten Bedingungen und in einer deutlich geordneteren Form als früher.

Ein Stück Remagener Stadtgeschichte
Das Remagener Martinslied erzählt auf mehreren Ebenen: von Sankt Martin und der Mantelteilung, vom Martinsfeuer, von der alten Einteilung der Stadt und vom Krabbeln.

Vor allem aber bewahrt es Remagener Mundart und Erinnerungen an die Geschichte des Martinsfestes.

Wer das Lied heute hört oder mitsingt, hört damit nicht nur ein altes Martinslied, sondern ein Stück Remagener Geschichte – und zugleich einen Brauch, der in Remagen bis heute lebendig ist.

Quellen
Dr. phil. Karl Kollbach:
Das Martinsfest in Remagen und die Tradition des „Krabbelns“ – historische Darstellung der Remagener Martinsbräuche und des Martinsliedes.

Claudia Ahaus:
Das Martinsfest in Remagen und die Tradition des Krabbelns, Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler.

Das Martinslied zum Anhören

Eine besondere Möglichkeit, das Lied und die damalige Martins-Tradition kennenzulernen, bietet eine historische Tonaufnahme des Südwestfunks. Am 10. November 1956 war der Reporter Toni Mausin Remagen und berichtete über die dortigen Martinsbräuche. Die rund 20-minütige Sendung trägt den Titel: „Hillije Sante Määtes wor en joode Mann: St. Martin-Bräuche in Remagen

https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:a1dfabcf97019c2f

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